Die Lautpoesie ist Bestandteil avantgardistischer und experimenteller Strömungen und befasst sich mit Grenzbereichen der Poesie und Musik. Die Zielsetzung der Lautpoeten ist das Aufdecken und Durchbrechen von sozialen und ästhetischen Tabus, sowie das Auflösen des für die bisherige Literatur typischen „Narrativen“ und lyrisch-stimmhaften Verständnisses von Poesie: der Künstler löst sich von der traditionellen Wort- und Satzsemantik und beginnt, die Grenzen der Sprache zu hinterfragen. Die Lautpoeten greifen so zum Beispiel alltagssprachliche Kommunikationsaspekte wie Schlucken, Husten, Wimmern oder Schmatzen auf, die besonders in der traditionellen Literatur als Störfaktor verstanden wurden, um so ihre radikale Einstellung zu festigen.
Lautpoeten, wie Franz Mon, waren der Ansicht, nach dem Zweiten Weltkrieg eine „beschädigte, geschlagene Sprache vor sich zu haben“ (Lentz, S. 247), die eine moderne Kunst und Literatur nicht mehr fassen kann: Auf Grund der historischen Fakten wurde Sprache selbst zum Problem. Man musste und wollte „Sprache aufs Neue erfahrbar machen“ (Lentz, S. 248), indem man alle an der Sprache beteiligten Schichten – so zum Beispiel die Phonetik, Syntax oder Lautgestik – zum Material macht, um so neue Lautprozesse entstehen zu lassen.
Besonders nach 1945 lagen die Artikulationen dabei im Grenzbereich des gerade noch oder nicht mehr Gesprochenen. Das gesamte menschliche Klang- und Geräuschpotential sollte erfahrbar gemacht werden. Auch wenn die Lautgedichte scheinbar nur aus Geräuschen bestehen und asemantisch oder dadaistisch wirken, wird die Semantik immer in einem gewissen reduziertem Grad offen gelegt, so dass teils sogar inhaltliche und emotionale Assoziationen hör- bzw. denkbar werden. Die zentrale Bedeutung des Körpers und der Stimme wirft die Frage auf, ob Lautpoesie nicht eher zur Musik als zur Lyrik gehört. Tatsächlich sollten Prozesse in der Sprache in Gang gesetzt werden, die mit der Musik und Kunst des 20. Jahrhunderts korrespondierten. Musikalische Züge zeigen sich unter anderem darin, dass Lautgedichte ihren Ursprung im Graphischen haben und schließlich auf Tonband aufgenommen wurden.
Beispiel:
Ernst Jandl: „schtzngrmm“
schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s------c------h
tzngrmm
tzngrmm
tzngrmm
grrrmmmmm
schtzn
schtzn
t-t-t-t
t-t-t-t
schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssssssssss
grrt
grrrrrt
grrrrrrrrrt
scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
tzngrmm
tzngrmm
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt
Aus dem Basiswort „Schützengraben“ wurden lediglich die Vokale gestrichen, um eine „Verhärtung der Wortform“ (Scholz, S. 274) zu erzielen. Die extrahierten Konsonanten werden durch Repetition und Variationen hin zu lautmalerischen Elementen, um „schlachtlärm zu imitieren“ (Scholz, S. 274). Folglich spiegelt dieses Gedicht einen weiteren Schritt hin zur Asemantik, ist aber trotzallem mit semantischen Aspekten behaftet. Jandl richtet die Aufgabe an den Hörer, die Lautfolgen seines Gedichtes zu entschlüsseln. Er appelliert an die Phantasie und die Kreativität des Publikums, führt einen direkten Dialog mit ihnen und macht sie so zum Mitwirkenden. Versucht man dieser Aufforderung nachzukommen, entschlüsselt man „schtzngrmm“ als Standort des lyrischen Ichs, dem Schützengraben und „grmm“ als dessen „grimmige“ Einstellung gegenüber der bevorstehenden Auseinandersetzung mit dem Feind. Die Variationen „tzngrmm“, „schtzn“ , „t-t-t-t-t-t-t-t-t-t“ etc. entschlüsselt man als Schlachtlärm eines Angriffs mit Schusswaffen und Bomben auf den Schützengraben, der schließlich zum „t-tt“ Tod führt.
Die Kunst befreit sich aus dem Zwang der Gesellschaft. Und ist doch immer ein Teil von ihr.
Literaturverzeichnis:
Lentz, Michael: Soundbox. Die Stimme der Lautpoesie, in: Stimme, Mainz 2003.
Scholz, Christian: Untersuchungen zur Geschichte und Typologie der Lautpoesie Teil I, Gertrud Scholz Verlag, Obermichelbach.

